Auf einen Blick
Rechenzentren und Serverräume benötigten 2024 rund 2,08 Terawattstunden. Das entsprach 3,6 Prozent des Schweizer Endverbrauchs. Für 2030 erwartet das Bundesamt für Energie in seiner besten Schätzung 3,2 Terawattstunden.
Die Schweiz dürfte diese zusätzliche Energie über ein Jahr betrachtet bereitstellen können. Offen bleibt, ob sie zur richtigen Zeit und am richtigen Ort verfügbar ist. Netzanschlüsse, Winterproduktion und die Verfügbarkeit grosser Kraftwerke bilden gemeinsam ein Lagebild.
Die entscheidende Grenze liegt deshalb nicht zwischen Rechenzentren und anderen Verbrauchern. Sie liegt zwischen verschiedenen Rollen: Welche Anlagen dienen Forschung, Datensouveränität oder regionalen Unternehmen? Welche rechnen für einen globalen Markt? Und wer trägt die Folgen ihres Anschlusses?
Ein Kanton als Lagebild
Die 515 Gigawattstunden im Kanton Zürich verteilten sich 2024 auf drei Netzgebiete. 359 entfielen auf die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich, 121 auf die Stadt Zürich und 35 auf Winterthur. Gemessen am gesamten kantonalen Verbrauch waren es rund sechs Prozent.
Im EKZ-Gebiet standen dahinter 137 Megawatt Anschlussleistung. Tatsächlich verbrauchten die Zentren rund 360 Gigawattstunden – im Jahresmittel etwa 30 Prozent der theoretischen Vollauslastung.
Schon hier zeigt sich eine erste Form der Aufgabenteilung. Der Netzbetreiber reserviert Leistung. Der Betreiber baut Hallen und belegt sie schrittweise mit Rechnern. Kunden rufen Rechenleistung ab. Aber welcher dieser Schritte beschreibt den künftigen Strombedarf?
Eine angekündigte Anlage mit 100 Megawatt verbraucht nicht automatisch 876 Gigawattstunden pro Jahr. IT-Leistung, Netzanschluss, geplante Kapazität und tatsächliche Auslastung bezeichnen verschiedene Dinge. Wer sie gleichsetzt, macht aus einer Möglichkeit einen Verbrauchswert.
Was bereits wächst
Der Grossraum Zürich ist der wichtigste Schweizer Rechenzentrumscluster. Green erweitert seinen Campus in Dielsdorf um 35 Megawatt IT-Leistung. Digital Realty weist für drei bestehende Zürcher Anlagen zusammen 45 Megawatt aus. Neue Zentren entstehen eher ausserhalb der Stadt, wo grössere Industrieflächen verfügbar sind.
Die neue Infrastruktur bündelt Daten, verlagert Anwendungen in die Cloud und schafft Kapazität für weitere Rechenarbeit. Gleichzeitig verschwinden interne Anlagen.
Das BFE hat diesen Bestand neu erfasst. 2024 benötigten Rechenzentren und Serverräume 2,08 Terawattstunden, 3,6 Prozent des Endverbrauchs. Kommerzielle Zentren verursachten davon 44 Prozent, interne Anlagen 56 Prozent.
Die Verschiebung kann die Infrastruktur effizienter machen. Das BFE beziffert das erschliessbare Einsparpotenzial auf rund 0,8 Terawattstunden. Doch auch effizientere Anlagen verbrauchen insgesamt mehr, wenn die Rechenleistung schneller wächst.
Von der Energie zur Leistung
Die Schweiz produzierte 2025 67,5 Terawattstunden Strom, bei 58 Terawattstunden Endverbrauch. Wasserkraft lieferte 55,5 Prozent, Kernkraft 27,2 Prozent und Photovoltaik 11,8 Prozent.
Diese Jahresbilanz wirkt komfortabel. Sie sagt jedoch wenig über eine kalte, sonnenarme Winterwoche. Wasserkraft, Solarproduktion und Verbrauch folgen verschiedenen zeitlichen Verläufen. Strom lässt sich zudem nicht beliebig von jedem Kraftwerk zu jedem neuen Grossverbraucher transportieren.
Für 2030 nennt das BFE 3,2 Terawattstunden als beste Schätzung. Ein unteres Szenario liegt bei 2,5, eine dynamischere Entwicklung bei etwa 3,5 Terawattstunden.
Für 2035 arbeitet die ElCom mit rund sechs Terawattstunden bei einem Landesverbrauch von 82 Terawattstunden. Beznau I und II sind dann ausser Betrieb, Gösgen und Leibstadt weiterhin am Netz.
Damit ist der Strombedarf der Rechenzentren in begrenzter Form bereits Teil der Schweizer Versorgungssicherheit. Offen bleibt, wie weit er reichen kann.
Vier Stufen der Verfügbarkeit
Strom ist nicht schon deshalb verfügbar, weil er irgendwo im Land erzeugt wird. Zwischen Jahresproduktion und laufendem Server liegen mehrere Stufen.
Die erste Stufe ist die Energie. Über zwölf Monate muss genügend Strom bereitstehen.
Die zweite Stufe ist die gesicherte Leistung. Auch nachts, im Winter oder während eines Kraftwerksausfalls muss das System genügend Leistung bereitstellen.
Die dritte Stufe ist das Netz. Leitungen, Unterwerke und Transformatoren müssen den Strom an den konkreten Standort bringen, ohne die Stabilität zu gefährden.
Die vierte Stufe ist der Anschluss. Er legt fest, wie viel ein einzelner Betreiber beziehen darf und welche Reserven dafür gebunden werden.
Diese Abstufung ist nicht neu. Ein Stausee enthält Energie, aber nicht jede Leitung kann seine Leistung übertragen. Bei Rechenzentren wächst dieser Unterschied auf industrielle Dimensionen.
Das langsamere System
Swissgrid nennt Rechenzentren und Batteriespeicher als wichtige Treiber neuer Anschlussanfragen. Noch ist kein Schweizer Rechenzentrum direkt an das Übertragungsnetz angeschlossen. Mit steigenden Leistungen wird diese Möglichkeit jedoch relevanter.
Bis 2040 sieht Swissgrid 31 Netzprojekte für rund 5,5 Milliarden Franken vor. Mehr als zwei Drittel des Übertragungsnetzes sind älter als 60 Jahre. Ein Rechenzentrum kann in wenigen Jahren entstehen. Neue Höchstspannungsleitungen dauern erheblich länger.
Im Basisszenario der ElCom bleiben die erwarteten Versorgungslücken klein. Wenn jedoch grosse Kraftwerke ausfallen und die Importmöglichkeiten zugleich beschränkt sind, entstehen bis 2035 Fehlmengen von mehreren Terawattstunden. Rechenzentren verursachen diese Lage nicht allein. Wärmepumpen, Elektroautos und die Industrie beanspruchen ebenfalls mehr Strom. Als stetige Grossverbraucher verändern sie aber das Lagebild.
Eine Frage der Zuordnung
Die Schweiz besitzt bisher keine grossen kommerziellen Zentren, die eigens für das Training riesiger Sprachmodelle errichtet wurden. Eine besondere Rolle spielt Alps am nationalen Hochleistungsrechenzentrum CSCS. Die Anlage dient Forschung, Wetterprognosen, Simulationen und maschinellem Lernen. Die verfügbare elektrische Leistung von elf Megawatt lässt sich auf 25 Megawatt erweitern.
Für Trainingszentren mit Hunderten von Megawatt sind andere Länder günstiger. Die Schweizer Rolle liegt eher bei Forschung, spezialisierten Modellen, Gesundheitswesen, Banken und souveräner Datenhaltung.
Solche Zuordnungen beruhen nicht auf einem Messwert. Strombedarf, Netzwirkung, volkswirtschaftlicher Nutzen und Herkunft der Rechenaufträge ergeben gemeinsam ein Lagebild. Abwärme, flexible Last oder zusätzliche Produktion können es ergänzen.
Vier Fragen machen die Unterschiede sichtbar. Welche Leistung wird tatsächlich und nicht nur auf dem Papier benötigt? Welcher Nutzen entsteht in der Schweiz? Wer finanziert den erforderlichen Netzausbau? Und was geschieht, wenn Strom während einiger Stunden knapp wird?
Die Technik beantwortet diese Fragen nicht allein. Sie macht sie sichtbarer.
Die Grenze neu ziehen
Vielleicht verläuft die entscheidende Grenze nicht zwischen Rechenzentren und anderen Stromverbrauchern. Vielleicht liegt sie zwischen Anschlüssen, deren Zweck und Folgen nachvollziehbar sind, und solchen, bei denen reservierte Leistung, Nutzen und Kosten auseinanderfallen.
Welche digitale Infrastruktur möchten wir auch in einem angespannten Winter versorgen? Welche Rechenarbeit möchten wir im eigenen Land halten? Und bei welchen Projekten möchten wir zuerst wissen, welchen Anteil an ihren Voraussetzungen die Allgemeinheit übernimmt?
Ob die Schweiz genug Strom für künstliche Intelligenz hat, entscheidet sich nicht an einer einzigen Terawattstunde. Es entscheidet sich daran, welche Rollen wir dieser Infrastruktur zuordnen.