Auf einen Blick
Die USA fördern strategische Unternehmen mit Regeln, Forschungsgeldern und Aufträgen. Vereinzelt treten sie auch als Eigentümer auf.
Ein Auftrag schafft Umsatz, eine Garantie senkt ein Finanzierungsrisiko, eine Beteiligung kann Aktionäre verwässern.
Entscheidend ist nicht nur, welche Firma der Staat unterstützt, sondern mit welchem Instrument und zu welchen Bedingungen.
Vom Ermöglichen zum Besitzen
Industriepolitik beginnt lange vor dem Aktienkauf. Ein Staat kann ermöglichen, indem er Gesetze anpasst und Bewilligungsverfahren berechenbar macht. Das Zuger Crypto Valley zeigt, wie ein günstiger Rahmen ein Ökosystem unterstützen kann, ohne dass der Staat dessen Firmen besitzt.
Er kann ausbilden, Universitäten unterstützen oder über Innosuisse bis zu 70 Prozent der direkten Kosten eines Start-up-Innovationsprojekts übernehmen. Er kann als Grosskunde auftreten, Kredite vergeben, Preise absichern oder Produkte abnehmen. Erst am Ende dieser Stufen steht er als Aktionär im Register.
Eine Ausbildungsoffensive vergrössert das Angebot an Fachkräften, wählt aber noch keinen Börsengewinner. Ein Forschungsbeitrag trägt frühe Risiken mit. Ein Grossauftrag schafft Nachfrage. Eine Beteiligung bringt Kapital, kann aber Eigentumsrechte verschieben und politische Bedingungen verankern.
Intel: Unterstützung mit Nebenwirkungen
Bei Intel vereinbarte das US-Handelsministerium rund 8,9 Milliarden Dollar gegen Aktien und bedingte Bezugsrechte. Die Mittel stammten weitgehend aus bestehenden Programmen. Neu war die Gegenleistung: Der Staat erhielt Eigenkapital.
Für bestehende Aktionäre ist das nicht nur eine Vertrauensbekundung. Intel nennt in den Börsenunterlagen Verwässerung, geringeren Stimmrechtseinfluss und mögliche Hindernisse für strategische Transaktionen. Das Auslandsgeschäft könnte betroffen sein.
Noch deutlicher wird die Rollenverschiebung bei MP Materials. Das Verteidigungsministerium kombinierte 400 Millionen Dollar in wandelbaren Vorzugsaktien mit möglichen weiteren Mitteln, einem Darlehen, einer Preisuntergrenze und einem Abnahmevertrag. Der Staat wurde Kapitalgeber, Kreditgeber und Kunde zugleich. Vorzugs- und Bezugsrechte entsprachen anfänglich zusammen 15 Prozent der ausstehenden Stammaktien.
Ein privater Käufer der gewöhnlichen Aktie erhält dieses Paket nicht. Er investiert neben dem Staat, aber nicht zu denselben Bedingungen.
Auftrag ist nicht Beteiligung
Anthropic erhielt vom Verteidigungsministerium eine zweijährige Entwicklungsvereinbarung mit einer Obergrenze von 200 Millionen Dollar. Die geprüften Unterlagen belegen Auftrag und Kooperation, aber keine Beteiligung der US-Regierung.
Bei Boeing wirkt der Staat nochmals anders. Das Unternehmen entwickelt den F-47 für die Luftwaffe und profitiert bei Verkehrsflugzeugen von Exportförderung. Washington ist Grosskunde und Türöffner, nach den geprüften Unterlagen aber kein Aktionär.
Alle Beziehungen können wirtschaftlich bedeutsam sein. Doch Aufträge können gekürzt und Programme verschoben werden. Staatsnähe ist ein Geflecht aus Nachfrage, Auflagen und Abhängigkeiten.
Kopiert Amerika China?
China formuliert diese Verbindung seit Jahren offen. Der 14. Fünfjahresplan sah ein jährliches Wachstum der Forschungs- und Entwicklungsausgaben von mehr als sieben Prozent vor. Er verbindet strategische Industrien mit Forschung, Steueranreizen, öffentlicher Beschaffung und Finanzierungshilfen.
Die USA verwenden ähnliche Werkzeuge. Daraus folgt nicht, dass sie das chinesische Wirtschaftsmodell übernehmen. Kapitalmärkte, Eigentumsordnung und Entscheidungswege bleiben verschieden. Vielleicht kopiert Amerika nicht das System, sondern einzelne Instrumente, mit denen China Fähigkeiten über längere Zeit aufgebaut hat.
Für Schweizer Geschäftsleitungen ist dies mehr als Theorie. Wenn Staaten Lieferketten und Produktionsstandorte ordnen, verändern sie Preise und Verfügbarkeit über ihre Grenzen hinaus. Ein Zulieferer kann von neuen Fabriken profitieren, obwohl der Staat ihn nie direkt unterstützt.
Wo liegen die Brösel?
Ein Schweizer Privatanleger kann bei kotierten Empfängern direkt investieren. Bei einem privaten Unternehmen wie Anthropic bleibt nur ein indirekter Weg über Partner, Infrastrukturbetreiber oder Zulieferer. Auch Branchenfonds sind denkbar. Doch enthalten sie die Profiteure – oder vor allem jene Namen, die bereits alle kennen?
Vier Fragen helfen. Ist der Staat Aktionär, Kreditgeber, Kunde oder Regelsetzer?
Erhält er bessere Rechte als gewöhnliche Aktionäre? Schafft seine Unterstützung Nachfrage oder ersetzt sie Kapital, das der Markt nicht geben wollte? Und wie viel Erfolg steckt bereits in der Bewertung?
Dass staatliche Auswahl keinen Erfolg garantiert, zeigte Solyndra. Der Solarmodulhersteller erhielt eine Kreditgarantie über 535 Millionen Dollar. Mehr als 500 Millionen wurden ausbezahlt, bevor er 2011 den Betrieb einstellte. Der Staat kann Risiken tragen. Er kann sie nicht abschaffen.
Vielleicht verläuft die entscheidende Grenze deshalb nicht zwischen freiem Markt und Planwirtschaft. Vielleicht liegt sie zwischen sichtbaren und unsichtbaren staatlichen Rollen. Welche davon schaffen langfristige Fähigkeiten? Welche verschieben lediglich Risiken? Und bei welchen bleibt für private Anleger tatsächlich mehr als der teure Nachhall einer politischen Ankündigung?