Politik

KI als Grundversorgung

Wenn Verwaltung, Schulen und Justiz von KI abhängig werden, genügt ein günstiges Abonnement nicht mehr. Die Schweiz muss entscheiden, welche Fähigkeiten sie selbst kontrollieren will – und was sie weiterhin einkaufen kann.

Beim Bund laufen 116 Projekte mit künstlicher Intelligenz. Systeme prognostizieren Pollen, erkennen Solaranlagen oder unterstützen beim Verfassen vertraulicher Texte. Gleichzeitig baut das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation eine eigene Plattform auf. Eingaben und Antworten sollen die interne Infrastruktur nicht verlassen. Entsteht hier bereits eine neue Grundversorgung?

Fachleute arbeiten in einem hellen Schweizer Technologiezentrum mit Serverinfrastruktur und Alpenlandschaft im Hintergrund.
KI als öffentliche Infrastruktur verbindet technische Fähigkeiten mit staatlicher Verantwortung.

Auf einen Blick

Eine öffentliche KI-Infrastruktur umfasst Rechenleistung, sichere Betriebsumgebungen, Modelle, Fachanwendungen und verantwortliche Menschen.

Die Schweiz verfügt mit dem Supercomputer Alps, der Swiss AI Initiative, Apertus und der Swiss Government Cloud bereits über einzelne Bausteine. Noch bilden sie kein gemeinsames Versorgungssystem.

Die wirtschaftliche Frage lautet nicht nur, was technologische Eigenständigkeit kostet. Ebenso wichtig ist, was dauerhafte Abhängigkeit bei Preisen, Verfügbarkeit und Handlungsspielraum kosten könnte.

Vom Werkzeug zur Versorgung

Stromnetze, Strassen oder der öffentliche Verkehr erfüllen Aufgaben, auf die Staat und Wirtschaft dauerhaft angewiesen sind. KI unterscheidet sich davon. Elektrizität bleibt Elektrizität. Ein Sprachmodell erzeugt dagegen Wahrscheinlichkeiten und wird laufend verändert.

Trotzdem trägt der Vergleich. Sobald eine Verwaltung ohne KI langsamer oder teurer arbeitet, wird aus einem Werkzeug eine Fähigkeit, deren Ausfall staatliches Handeln beeinträchtigt.

Kontrolle bedeutet mehr als einen Schweizer Serverstandort. Wer kann Änderungen prüfen? Bleiben vertrauliche Eingaben im System? Kann ein Amt den Anbieter wechseln? Und stehen Fachleute bereit, wenn ein Dienst ausfällt?

Apertus ist ein Baustein

Im September 2025 veröffentlichten ETH Zürich, EPFL und das Schweizerische Hochleistungsrechenzentrum CSCS das Sprachmodell Apertus. Es ist in Varianten mit acht und 70 Milliarden Parametern verfügbar. Architektur, Gewichte, Trainingsdaten und Methoden sind dokumentiert; die Lizenz erlaubt auch kommerzielle Anwendungen.

Damit besitzt die Schweiz ein grosses Modell, dessen Entstehung untersucht und dessen Betrieb selbst organisiert werden kann. Trainiert wurde es mit mehr als zehn Millionen GPU-Stunden auf Alps. Doch für den Alltag braucht es zusätzlich Server, Zugriffsregeln, Überwachung, Sicherheitsprüfungen und Fachanwendungen.

Der Bund prüft für einen generativen Standarddienst den bestehenden AI Assistant, eine Anbindung von Apertus und weitere Möglichkeiten. Die Lösung soll Datenschutz, Informationssicherheit und digitaler Souveränität genügen. Das Modell ist eine Option innerhalb einer Architektur, nicht bereits deren Antwort.

Sechs vorhandene Bausteine einer möglichen Schweizer KI-Grundversorgung: Bundesprojekte, BIT AI Assistant, Government Cloud, Alps und CSCS, Apertus und öffentliche Beschaffung.
Die Schweiz verfügt bereits über einzelne Bausteine. Offen bleibt, wer sie zu einem dauerhaften Versorgungssystem verbindet.

Der Staat in sechs Rollen

Der Staat kann Standards und offene Schnittstellen setzen. Als Ausbilder finanziert er Fachkräfte. Als Forscher trägt er Hochschulen, CSCS und offene Modelle mit.

Als Auftraggeber schafft er einen Markt. Die Bundeskanzlei schrieb für 2026 bis 2031 Daten- und KI-Dienstleistungen über 57 Millionen Franken aus. Pro Los sollen sieben Anbieter berücksichtigt werden; KMU und Start-ups wurden ausdrücklich eingeladen. Öffentliche Nachfrage kann Wettbewerb eröffnen, ohne dass der Staat jede Anwendung selbst entwickelt.

Als Finanzierer trägt er Infrastrukturkosten. Als Betreiber oder Eigentümer übernimmt er die stärkste Rolle. Für besonders schützenswerte Daten kann diese Nähe sinnvoll sein, für gewöhnliche Büroanwendungen unnötig teuer. Nicht jede Aufgabe verlangt dieselbe Kontrolle.

Sechs staatliche Rollen von Ermöglichen und Ausbilden über Forschen, Bestellen und Finanzieren bis zum eigenen Betrieb.
Nicht jede staatliche Aufgabe verlangt dieselbe Stufe von Finanzierung, Kontrolle und Verantwortung.

Was China anders macht

China behandelt Rechenleistung bereits ausdrücklich als Infrastruktur. Das Industrieministerium will öffentliche Rechenressourcen standardisiert verbinden. Bis 2028 soll ein landesweites Rechenleistungsinternet entstehen. Der Zugang soll, so die amtliche Beschreibung, so einfach werden wie jener zu Wasser oder Elektrizität.

Der neue Fünfjahresplan verbindet Rechenzentren, Netze, Daten, Modelle und industrielle Anwendungen. Der Staat koordiniert, fördert und beschafft. Zugleich sollen Rechenleistungen über Marktangebote und Mietmodelle bereitstehen.

Für die Schweiz ist das kein Bauplan. China verfügt über einen anderen Massstab und eine zentralere Staatsordnung. Interessant ist der Blick auf die ganze Kette: Ein Modell allein ist noch keine Infrastruktur, ein Rechenzentrum noch keine Anwendung.

Vergleich der Schweizer und chinesischen Ansätze bei Rechenleistung, Modellen, Steuerung und Marktrolle.
China zeigt das Denken in einer durchgehenden Infrastrukturkette. Für die Schweiz ist dies ein Vergleich, kein politischer Bauplan.

Der Preis der Kontrolle

Die Swiss Government Cloud zeigt, welche Grössenordnungen digitale Infrastruktur erreichen kann. Ihr Aufbau von 2025 bis 2032 soll insgesamt 319,4 Millionen Franken kosten. Kantone und Gemeinden könnten sie ebenfalls nutzen. Für private Unternehmen sind keine Dienste vorgesehen.

Diese Zahl ist kein Preisschild für eine Schweizer KI. Sie enthält nicht alle Nutzungs- und Migrationskosten. Die Eidgenössische Finanzkontrolle hielt 2025 zudem fest, dass die wirtschaftliche Attraktivität für den Bund noch nicht nachgewiesen war.

Eine seriöse Rechnung hat zwei Seiten. Hier stehen Rechner, Strom, Fachkräfte, Sicherheit und laufende Erneuerung. Dort stehen Preisänderungen, fehlende Wechselmöglichkeiten, Exportbeschränkungen, Ausfälle und verlorene Kompetenz. Auch Abhängigkeit ist nicht kostenlos. Ihre Rechnung kommt bloss später.

Gegenüberstellung sichtbarer Eigenkosten einer KI-Infrastruktur und verdeckter Kosten dauerhafter Anbieterabhängigkeit.
Eine wirtschaftliche Rechnung muss sowohl Infrastrukturkosten als auch spätere Wechsel-, Ausfall- und Abhängigkeitskosten erfassen.

Zwischen Kaufen und Besitzen

Vielleicht braucht die Schweiz keine einzige staatliche KI. Vielleicht braucht sie die Fähigkeit, zwischen offenen Modellen, privaten Anbietern und einem gesicherten Eigenbetrieb wählen zu können.

Welche Dienste dürfen vollständig vom Markt kommen? Welche Grundschichten sollte der Staat dauerhaft mittragen? Und bei welchen Aufgaben muss er auch dann handlungsfähig bleiben, wenn ein ausländischer Anbieter Preise, Regeln oder Zugang verändert?

Fünf Betriebsformen von einem eingekauften externen Dienst bis zum staatlich gesicherten Eigenbetrieb.
Mit der Sensibilität einer Aufgabe wächst der notwendige Grad staatlicher Kontrolle – nicht zwingend das staatliche Eigentum am ganzen System.

Die Technik beantwortet diese Fragen nicht. Aber je selbstverständlicher KI in Verwaltung, Schulen und Justiz wird, desto weniger lassen sie sich als gewöhnlicher Softwareeinkauf behandeln.

Quellen

  1. Bundeskanzlei: Priorisierte KI-Strategiemassnahmen: www.bk.admin.ch
  2. Bundeskanzlei: KI-Projektdatenbank Januar 2026: www.bk.admin.ch
  3. Bundeskanzlei: Umsetzungsplan KI-Strategie: www.bk.admin.ch
  4. ETH Zürich, EPFL und CSCS: Apertus: ethz.ch
  5. Bundeskanzlei: Ausschreibung Daten und KI: www.bk.admin.ch
  6. BIT: Swiss Government Cloud: www.bit.admin.ch
  7. Eidgenössische Finanzkontrolle: Swiss Government Cloud: www.efk.admin.ch
  8. Chinesisches Industrieministerium: Rechenleistungs-Vernetzung: www.miit.gov.cn
  9. Chinesischer 15. Fünfjahresplan: www.moe.gov.cn
  10. Bundeskanzlei: Einsatz von KI in der Bundesverwaltung: www.bk.admin.ch