Auf einen Blick
Könnte eine öffentliche KI amtliche Informationen auffindbar und verständlich machen, ohne verbindliche Entscheide zu treffen?
Weshalb akzeptiert die Bevölkerung KI bei Behörden eher für Übersetzungen, Vereinfachungen und Zusammenfassungen als für folgenreiche Aufgaben?
Wie liessen sich sichtbare Quellen, mehrere Sprachen, Barrierefreiheit und der Wechsel zu einem Menschen zu einem verlässlichen öffentlichen Zugang verbinden?
Vom Amt zur Frage
Was wäre, wenn Bürgerinnen und Bürger nicht zuerst die zuständige Amtsstelle kennen müssten? Sie könnten ihre Situation in eigenen Worten beschreiben. Ein System würde mögliche nächste Schritte erklären, die zuständige Stelle nennen und auf amtliche Grundlagen verweisen.
Die Informationen bestehen bereits, liegen aber über Ämter, Portale und föderale Ebenen verteilt. Könnte eine gemeinsame Oberfläche sie vom Anliegen der Menschen her erschliessen? Oder würde sie den Eindruck erwecken, der Staat habe auf jede Frage eine richtige Antwort?
Kein Schweizer ChatGPT?
Wie breit dürfte der Auftrag sein? Ginge es um einen staatlichen Universalassistenten? Oder wäre ein engerer Auftrag glaubwürdiger: amtliches Wissen finden, erklären, übersetzen und den Weg zur richtigen Behörde weisen?
Ein offizielles Erscheinungsbild verleiht einem Chatfenster Autorität. Würde ein plausibler Fehler deshalb schwerer wiegen als bei einem gewöhnlichen Internetdienst? Müssten Quellen, Unsicherheiten und Zuständigkeiten sichtbar bleiben?
Wie viel KI will die Bevölkerung?
Die Bundeskanzlei liess Ende 2024 untersuchen, wie die Bevölkerung über KI in der Behördenkommunikation denkt. Befragt wurden 1’003 Einwohnerinnen und Einwohner. Auf einer Skala von null für «am besten keine KI» bis zehn für «so viel wie möglich» lag der Mittelwert bei 3,95, der Median bei vier.
Ist das ein Nein zur Technik – oder eher ein Wunsch nach klaren Grenzen? Besonders akzeptiert wurden Übersetzungen, Vereinfachungen und Zusammenfassungen. Die Verantwortung soll nach Ansicht der Befragten bei den Behörden bleiben; Ergebnisse sollen geprüft und der KI-Einsatz offengelegt werden.
Läge der grösste Nutzen dort, wo Menschen an Sprache, Komplexität oder Zuständigkeiten scheitern? Müsste die Zurückhaltung wachsen, sobald Rechte oder Geld betroffen sind?
Wo dürfte die KI wie weit gehen?
Eine grüne Zone könnte die Suche in amtlichen Informationen, leichte Sprache, Übersetzungen sowie Hinweise auf Formulare oder Beratungsstellen umfassen. Wäre das vor allem eine neue Form der Navigation?
In einer gelben Zone könnten Hinweise personalisiert werden. Welche Daten wären nötig? Wie freiwillig wäre die Einwilligung? Und wann würde aus einem Hinweis ein vermeintliches Leistungsversprechen?
Die rote Zone begänne bei verbindlichen Entscheiden. Darf eine KI eine Sozialleistung verweigern, eine Steuerfrage entscheiden oder politisch überzeugen? Führt ein automatisierter Einzelentscheid zu einem wichtigen Nachteil, sieht das Datenschutzgesetz Information und eine menschliche Überprüfung vor. Wäre die einfachere Grenze: informieren und navigieren, aber nicht verfügen?
Was zeigen Estland und Singapur?
Estlands Bürokratt hilft dabei, Informationen über öffentliche Dienste zu finden. Kommt der Assistent nicht weiter, übergibt er an den Kundendienst. Singapurs chat.gov.sg bündelt Inhalte von mehr als 500 staatlichen Websites, antwortet in vier Amtssprachen und verweist auf verwendete Quellen.
Zeigen diese Beispiele den Weg zur staatlichen Konversation? Oder liegt ihre Stärke gerade in der Beschränkung auf eine verlässliche Eingangstür?
Öffentliche Aufgabe oder staatliche Konkurrenz?
Ein staatlicher Universalassistent könnte private Anbieter konkurrenzieren und den Staat zum Schiedsrichter über zulässige Antworten machen. Wo läge die Grenze zwischen digitaler Grundversorgung und einem Staatskonzern für KI?
Amtliche Informationen und die Weiterleitung zu Behörden sind bereits öffentliche Aufgaben. Könnte der Staat geprüfte Daten und offene Schnittstellen anbieten, während Unternehmen darauf eigene Dienste entwickeln? Entstünde ein gemeinsamer Zugang – oder eine neue Abhängigkeit von einer zentralen Plattform?
Wer bezahlt die verlässliche Antwort?
Was würde ein begrenzter Pilot tatsächlich kosten? Das Sprachmodell wäre nur ein Posten. Inhalte müssten aktuell gehalten, Angriffe abgewehrt, Übersetzungen geprüft und Fehlantworten ausgewertet werden. Gleichzeitig blieben Schalter, Telefon und persönliche Beratung nötig.
Wie liesse sich der Nutzen messen: an eingesparten Behördengängen, kürzeren Suchzeiten, weniger falsch eingereichten Gesuchen oder besserem Zugang für Menschen mit sprachlichen und körperlichen Einschränkungen? Und wer trüge die Verantwortung, wenn eine freundlich formulierte Antwort dennoch in die falsche Richtung führt?
Zwischen Zugang und Macht
Braucht die Schweiz eine KI, die für alle alles kann? Oder wäre ein Dienst politisch überzeugender, der seine Zuständigkeit kennt, Quellen liefert und bei folgenreichen Fragen an einen Menschen übergibt?
Vielleicht entscheidet sich die Qualität einer öffentlichen KI nicht daran, wie viele Antworten sie geben kann. Entscheidend könnte sein, welche Fragen sie offenlässt: Wem kann ich vertrauen? Wer ist verantwortlich? Und wo beginnt hinter dem Bildschirm wieder ein Mensch?